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Eine Familie auf den Spuren von Ötzi

Eine Wanderung auf dem Schenner Waalweg ist eine schöne Familientour in Südtirol. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Alto Adige/Patrick Schwienbacher/IDM Südtirol/dpa-tmn)

Die Steinzeitmenschen pirschen durchs Dickicht. Heute war ihnen das Jägerglück hold. Aber das hier ist ein besonderes Ziel. Die Anführerin zieht den Pfeil aus dem Köcher, spannt den Bogen – und trifft ein mannshohes gelbes Männchen mit Glatze und dümmlichem Gesichtsausdruck. Homer Simpson!

«Ein Scherz», sagt Valentin Müller über die Comicfigur, die zwischen Birken hinter dem Moarhof in Südtirol hockt. Seit rund zehn Jahren betreibt der 38-Jährige den 3D-Bogenparcours im Vinschgau. Er bringt seinen Gästen nicht nur bei, wie man mit Pfeil und Bogen umgeht, sondern weiß auch allerhand über die Jagdmethoden in der Steinzeit.

Das ist vor allem für Familien wie uns interessant. Vater, Mutter und zwei Töchter, acht und zwölf Jahre alt. Die Steinzeit erleben, das geht nirgendwo besser als im Südtiroler Schnalstal, einem Seitental des Vinschgaus, das sich in die Ötztaler Alpen hineinzieht.

Die Kleinen wollen vor allem selber schießen. Dazu geht es durch ein Gelände, das sich am Hang des Schnalstals auf rund 1600 Metern Höhe erstreckt. Die Ziele, dreidimensionale Tierattrappen, sind dort versteckt, wo man sie auch in der Natur antreffen würde: ein Luchs im Baum, Rehe im Wald, ein Rotwild auf einer zum Dorf abfallenden Wiese.

Kleiner Körper von großer Bedeutung

Irgendwo zwischen Dorf und Natur, zwischen Siedlung und Wildnis war vor rund 5300 Jahren auch der wohl berühmteste Steinzeitmensch unterwegs: Ötzi. Vor 30 Jahren, am 19. September 1991, haben Bergwanderer beim Tisenjoch den Körper entdeckt. Was man zunächst für einen verunglückten Bergwanderer hielt, entpuppte sich nach und nach als wertvoller archäologischer Fund: Ötzi ist älter als jede andere natürlich konservierte Mumie der Welt, 5300 Jahre.

Heute liegt sein Körper in Bozen, in einer Kühlkammer des Südtiroler Archäologiemuseums, bei konstant minus sechs Grad Celsius. Mehr als 500 Wissenschaftler haben die Mumie untersucht. Ihre Erkenntnisse werden in Schaukästen präsentiert. Eine Rekonstruktion zeigt, wie Ötzi ausgesehen haben könnte. «Gar nicht so viel anders als heutige Menschen, nur etwas klein», finden unsere Töchter.

Steinzeit zum Erleben und Anfassen

Zwar wurde die Gletschermumie nach ihrem Fundort in den Ötztaler Alpen benannt. «Aber eigentlich müsste sie Schnalsi heißen», sagt Magdalena Alber vom Archeoparc im Schnalstal, den wir einen Tag später besuchen. Denn Ötzi, weiß sie, hatte Pollen von Hopfenbuchen am Körper. Die gab es nur südlich der Alpen, nicht weiter nördlich.

Wahrscheinlich passierte Ötzi auf seiner letzten Wanderung das Schnalstal. Deshalb drehen sich heute viele Tourismuswanderungen und Aktivitäten in der Region rund um ihn und die Steinzeit. So auch im Archeoparc, einem Freilichtmuseum. Steinzeithäuser ducken sich zwischen Bäumen und einem See. Mitarbeiter zeigen, wie die Menschen damals webten, Steine schliffen und aus Gräsern feine Seile knüpften.

Hinauf zum Gletscher auf über 3000 Meter Höhe

Magdalena Alber zeigt auf die Gipfel der Ötztaler Alpen in der Ferne. «Dort liegt Ötzis Fundstelle», sagte sie. Von Juli bis Oktober gibt es regelmäßig Gletschertouren, die zum Tisenjoch auf 3210 Meter Höhe hinaufführen. Eine Tagestour für sportliche Wanderer, zu denen wir uns aber nicht zählen. Stattdessen steigen wir am nächsten Tag zusammen in die Seilbahn in Kurzras, am Ende des Schnalstals, und stehen wenige Minuten später oben auf dem Gletscher. Von hier aus sind es nur noch ein paar Minuten Fußmarsch zum «Iceman Ötzi Peak», einer Aussichtsplattform auf 3251 Metern Höhe.

«In dieser Bergwelt war Ötzi vor 5300 Jahren unterwegs», sagt Wanderführer Richard Rainer. Wir blicken auf die Gipfel dreier Länder, in Italien, Österreich und der Schweiz. Während mein Mann und ich die Aussicht genießen, sind unsere Töchter schon wieder in Jagdstimmung. Diesmal nicht mit Pfeilen, sondern mit Schneebällen. Wer weiß? Vielleicht haben das Steinzeitkinder auch schon so gemacht.

Von Alexandra Frank, dpa