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Erschreckendes Filmexperiment zu Kindesmissbrauch

Darstellerin Anezka Pithartova beim Chatten im Kinderzimmer-Set. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Milan Jaroš/Hypermarket Film/Filmwelt Verleihagentur/dpa)

Ob Lügde, Münster oder Bergisch Gladbach: Die Aufdeckung großer Missbrauchsfälle in Deutschland hat sexualisierte Gewalt an Kindern in den Fokus gerückt.

Doch auch abseits solch großer Kriminalfälle lauert Gefahr – insbesondere im Internet, wo Eltern oft nichts mitbekommen. Nur wenige Klicks trennen die Täter von ihren potenziellen Opfern – etwa wenn Erwachsene über soziale Netzwerke gezielt Mädchen und Jungen kontaktieren, um beispielsweise an Nacktfotos zu kommen.

Um zu zeigen, wie dreist die Täter bei dieser auch Cybergrooming genannten Masche die Unerfahrenheit ihrer kleinen Opfer ausnutzen, und um junge Leute für die Risiken zu sensibilisieren, haben Filmschaffende in Tschechien ein aufsehenerregendes Experiment gewagt. Sie suchten drei sehr jung aussehende, aber volljährige Frauen, die sich auf Fake-Profilen in gängigen sozialen Netzwerken als zwölfjährige Mädchen ausgeben sollten. Die Filmleute bauten in den Kulissen eines Studios drei Kinderzimmer nach. Von dort aus sollten die Schauspielerinnen zehn Tage lang online gehen und schauen, von wem sie kontaktiert werden.

Das Ergebnis: Es meldeten sich 2458 Männer – «mit eindeutigen Absichten», wie es von den Filmemachern und Filmemacherinnen heißt. Sie waren mit der Kamera dabei und verfolgten, welchen Verlauf die auch per Webcam geführten Chats nahmen. Ihr Dokumentarfilm «Gefangen im Netz» soll nach coronabedingter Verzögerung am 24. Juni nun auch für einen Tag bundesweit in die Kinos kommen und zudem ab dem 27. Juni unter www.gefangenimnetz.de im Internet abrufbar sein. Im Nachbarland Tschechien – so heißt es von den Filmschaffenden – traf die Doku von Regisseurin Barbora Chalupová und Regisseur Vít Klusák einen gesellschaftlichen Nerv. Mehr als 500 000 Menschen hätten sich den Film dort im Kino angeschaut.

Johannes-Wilhelm Rörig, Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, wünscht der Doku auch in Deutschland viel Erfolg. Sie öffne die Augen für das, was sonst im Verborgenen bleibe – dafür, wie massiv im Netz die Bedrohung durch Cybergrooming sei, wie skrupellos sich Täter an Kinder heranmachten, dass sie auch vor Erpressungen und Drohungen nicht zurückschreckten. «Es ist schockierend», sagt Rörig.

Regisseurin Chalupová zeigt sich überrascht vom Tempo, mit dem die Täter die Mädchen kontaktierten. «Nach ein paar wenigen Eröffnungsfloskeln kamen sie sofort zur Sache: zu expliziten sexuellen Angeboten», sagt sie. Auch die Fülle der Nachrichten habe sie erstaunt: «Die Schauspielerinnen hatten kaum Zeit zu antworten, geschweige denn all die Chat-Anfragen zu bedienen.»

Im Film stellt sich das etwa so dar: «Stört es dich nicht, dass ich 12 bin?», schreibt eines der Mädchen im Chat mit einem Mann. «Wenn das unser Geheimnis bleibt, dann nicht», antwortet dieser. Andere Männer verhalten sich ähnlich und antworten auf entsprechende Fragen etwa: «Das macht nichts, ich war auch mal 12.» Oder einfach: «Warum sollte es?»

Die Filmleute betonen, dass verschiedene Experten die Darstellerinnen während des Drehs begleitet und betreut hätten. So kommen in der Doku beispielsweise eine Sexologin und ein Anwalt zu Wort. Die Sexologin sagt, die Täter gäben sich der Illusion hin, dass die Mädchen den Kontakt wollten, weil diese nicht aktiv Widerstand leisten. Das unterwürfige Verhalten der Mädchen im Chat sei jedoch schlicht darauf zurückzuführen, dass die Männer eben viel älter und körperlich überlegen seien.

Der Anwalt spricht mit Blick auf die Chatpartner von einer «Flut aller denkbaren Straftaten» in Bezug auf Kinder. Am Ende jedoch seien «aus den Jägern Gejagte» geworden, heißt es von den Filmleuten. Das gedrehte Material sei der tschechischen Polizei zur Strafverfolgung überlassen worden.

Neben der Kino-Version gibt es auch eine um explizite Szenen gekürzte Schulfassung der Doku. So soll Schulklassen ermöglicht werden, sich mit dem Thema Cybergrooming auseinanderzusetzen. Eine Botschaft der Filmleute lautet dabei: Die Täter sind schuld, nicht die Kinder, die ihnen ins Netz gehen. Missbrauchsbeauftragter Rörig empfiehlt Eltern, genau hinzuschauen, was Kinder im Netz machen – und: «Sprechen Sie ohne Vorwürfe und Anschuldigungen mit Ihren Kindern.»

Von Michael Kieffer, dpa