1. Dezember 2021

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Was aus alten Grabmalen wird

Bildhauer Todosch Schlopsnies (55) steht auf dem St. Jacobi Friedhof in Neukölln und hält eine steinerne Kugel in den Händen, die aus einem ehemaligen Grabstein entstanden ist. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Paul Zinken/dpa)

In dieser Kuhle könnte ein Spatz baden. Am Rand ist noch die Schrift zu sehen. «Unvergessen» steht da. Die Skulptur aus schwarzem Gestein war früher ein Grabmal.

Darf man «Vogeltränke» dazu sagen? Bilderhauer Todosch Schlopsnies (55) hat damit kein Problem. «Warum denn nicht?» Er hat sich schon in seiner Studienzeit damit befasst, was aus ausrangierten Grabsteinen wird. In Berlin gibt er Kurse dazu. Es geht um Philosophisches, um Kugeln, Planeten, Bohren und Brechen, viel Gekloppe. Um Berge mit Hunderten von Steinen. «Das ist kein Bildhauerworkshop à la Toskana.»

Manche Angehörige nehmen den Grabstein mit nach Hause

Beim Thema Grabstein muss man ein bisschen ausholen. Viele Steine nehmen einen nüchternen Weg. Das Nutzungsrecht für ein Grab endet je nach Region nach etwa 10 bis 30 Jahren, wie Simon Walter von der Stiftung Deutsche Bestattungskultur erklärt. Ist es abgelaufen und wird nicht verlängert, werden laut Walter die allermeisten Steine geschreddert. Sie landen dann etwa im Straßenbau. «Die private Nutzung ist nicht allzu verbreitet», sagt Walter. Manche Angehörige nehmen den Grabstein auch mit nach Hause, als ihr Eigentum. Dann liegt der Findling mit dem Namen der Großmutter im Garten.

Man kann alte Steine auch neu vom Steinmetz beschriften lassen. Aber das ist nicht jedermanns Sache und aufwendig. Mittlerweile gibt es auch neue Vorschriften, etwa gegen Material, das durch Kinderarbeit in Asien entstand. Friedhöfe als Trauerort sind nach wie vor wichtig, auch wenn es mittlerweile Alternativen wie Begräbniswälder gibt: Mehr als 80 Prozent der Beisetzungen finden noch auf einem Friedhof statt, wie Walter sagt.

Das klassische Grab ist nicht passé, heißt es auch bei anderen Fachleuten. «Das Grabmal spielt immer noch eine zentrale Rolle», sagt Sybille Trawinski, Geschäftsführerin des Bundesverbands Deutscher Steinmetze. Die Grabmale sind tendenziell nicht mehr so wuchtig wie früher, nicht mehr so sehr auf den Status ausgerichtet.

Alte Steine wiederverwenden

Stattdessen werden die Grabsteine individueller, etwa mit persönlichen Symbolen, zum Beispiel einer Gitarre oder einer Katze. Ausrangierte Steine wiederzuverwenden, ist nachhaltig, findet Trawinski. Das kann zum Beispiel eine Skulptur für den Garten sein. Oder ein Friedhof nutzt alte Steine für eine Ruhebank.

Was noch damit passieren kann, ist auf dem St. Jacobi Friedhof in Berlin-Neukölln zu sehen. Er liegt zwischen dem alten Flughafen Tempelhof, Shisha-Bars, Hipster-Cafés und einer für Junkies berüchtigten U-Bahnlinie. Viele Gräber sind ausrangiert. Das Gelände wird teilweise fürs Pflanzen und Ernten genutzt, vom Prinzessinnengarten-Kollektiv, einem Pionier im hip gewordenen Gärtnern in der Stadt.

Vorne sind noch viele Gräber zu sehen, hinten wachsen Stadtacker, ein Kräutergarten und städtische Wildnis. Das Laub raschelt an den Füßen, leuchtender Berliner Herbst. Bilderhauer Todosch Schlopsnies holt Kugeln aus der Werkstatt, aus Marmor, Larvikit und Diabas. Eine Frage, die sich für ihn stellt: «Was bedeutet es eigentlich, wenn wir so ein uraltes Material in die Hände nehmen?»

Erst über Grabstein-Kurse aufregen – dann mitmachen

In den Kursen werden die zerlegten Grabsteine anonymisiert verwendet. Die runde Form ist am einfachsten für die Workshop-Teilnehmer. Die reagieren ganz unterschiedlich auf das Material, wie Schlopsnies erzählt. Manche sind empört, dass ein den Bergen abgetrotzter Stein nicht für immer und ewig gedacht ist, sondern nur für ein 25 Jahre lang genutztes Grab. Er hat auch schon Zaungäste erlebt, die sich erst über die Grabstein-Kurse aufregten, aber dann mitmachen wollten. Einer koreanischen Teilnehmerin wurde die Kugel geklaut, sie fertigte sie noch einmal ganz neu: «Das fand ich sehr eindrucksvoll.» Ein Paar fertigte ein Skulptur, die aussah wie ein riesiges Stück Seife.

Die in den Kursen entstandenen Kugeln erinnern Schlopsnies an Planeten, wecken philosophische Gedanken an Gottfried Wilhelm Leibniz, an die Lehre von der in sich geschlossenen Ureinheit. Beim Spaziergang auf dem Friedhof mit den vielen ausrangierten Gräbern hat der Bildhauer weltliche Gedanken: «Ist es okay, wenn hier junge Familien Brötchen essen und Kinder spielen?»

Für sich selbst kann er sich eine Kugel oder einen Findling am Grab vorstellen. «Man muss keine Berge zersägen, um einen Erinnerungsort zu schaffen.» Ihn beeindruckt, was auf Leibniz‘ Ruhestätte steht: «Ossa Leibnitii». Das heißt, dass dort nur die Gebeine von Leibniz sind – der Mensch ist an einem anderen Ort.

Von Caroline Bock, dpa